Kunstschüler der Jahrgangsstufen 7 bis 10 besuchen die Ausstellung von Gabriele Richter im Heimatmuseum
Was haben ein japanischer Tiger, ein australischer Sandstein und ein bayerisches Dirndl gemeinsam? Auf den ersten Blick herzlich wenig. In den Bildern der Künstlerin Gabriele Richter finden sie jedoch alle ihren Platz. Davon konnten sich die Schüler des Kunstzweigs der Realschule Simbach bei Besuchen der Sonderausstellung „Seelenlandschaft“ im Heimatmuseum überzeugen. Und sie erfuhren dabei, dass hinter jedem Kunstwerk nicht nur viel Arbeit, sondern auch eine ganz persönliche Geschichte steckt.

Die Schüler der Kunstzweigklassen wurden jeweils von der Künstlerin persönlich begrüßt, allerdings nicht gleich mit langen Erklärungen überhäuft. Stattdessen durften sie zunächst auf eigene Faust durch die Ausstellung streifen. Was gefällt besonders gut? Was fällt auf? Und welche Fragen drängen sich beim Betrachten der ungewöhnlichen Bilder auf? Fragen gab es anschließend reichlich und Gabriele Richter nahm sich viel Zeit, sie zu beantworten.
Besonders neugierig waren die jungen Kunstinteressierten auf die Entstehung der oft äußerst detailreichen Werke. Welches Werk hatte wohl am meisten Arbeit gemacht? Die Vermutung der Jugendlichen fiel auf ein Gemälde mit unzähligen feinen Strukturen und winzigen Einzelheiten. Tatsächlich hatte Richter dafür mit feinsten Pinseln und Tusche gearbeitet, Schicht um Schicht. Der hellbraune Hintergrund birgt dabei ein besonderes Geheimnis: Er besteht aus zermahlenem australischem Sandstein, einem Material, das auch die australischen Ureinwohner für ihre Kunst verwenden.
Die Künstlerin hat einiges von der Welt gesehen. Vor ihrer Zeit in Australien lebte sie 20 Jahre in Japan. Die Eindrücke dieser beiden Länder prägen ihre Werke bis heute. Dass ein Kimono in Japan bei festlichen Anlässen getragen wird, verglich Richter anschaulich mit dem bayerischen Dirndl.

Besonders angetan waren die Schüler allerdings von einem Tiger namens „Tora“. Das Tier ist Richters japanisches Tierkreiszeichen und wurde schnell zum heimlichen Star des Museumsbesuchs. Interessant war auch die Feststellung der Künstlerin, dass ihre in Simbach entstandenen Bilder deutlich heller ausfallen als jene aus ihrer australischen Zeit. Warum das so ist, kann sie selbst nicht genau erklären. Offenbar müssen sich nicht nur Menschen, sondern auch ihre Farben erst an eine neue Umgebung gewöhnen.
Wie aber entsteht eine solche „Seelenlandschaft“? Jedenfalls nicht schön ordentlich von links nach rechts, wie die Schüler erfuhren. Richter arbeitet vielmehr an verschiedenen Stellen gleichzeitig, setzt hier eine Form, ergänzt dort eine Farbe und kehrt immer wieder zu bereits bearbeiteten Bereichen zurück. Für ein größeres Werk benötigt sie in der Regel vier bis sechs Wochen und meistens malt sie abends.

Besonders aufmerksam wurden die Nachwuchskünstler, als es um ganz praktische Fragen ging. Wie malt man beispielsweise überzeugende Falten? Richters Antwort klang einfach, verlangt aber einiges an Geduld: Man muss genau hinschauen!
Dass ihre Bilder weit mehr als bloße Abbildungen sind, zeigte sich auch an einem Werk mit dem Titel „Tivoli“. Hinter den schwungvollen, nach oben strebenden Formen verbirgt sich die Erinnerung an einen besonders glücklichen Moment. Ein Vergnügungspark mit Achterbahn und Rutsche wurde hier zu einer abstrakten Komposition. Andere Werke erzählen von Ängsten und Sorgen oder bewahren Erinnerungen an Japan, etwa durch eingearbeitete Papiere mit japanischen Schriftzeichen. Selbst aus alten Uhrenteilen hat Richter kleine Kunstobjekte geschaffen, die in den Schaukästen des Museums zu entdecken waren.
Nach so vielen Einblicken in das Künstlerleben durften alle Schüler des Kunstzweigs jeweils selbst aktiv werden. Mit Bleistiften, Kohle und Buntstiften ausgestattet, versuchten sie, ausgewählte Werke der Ausstellung zeichnerisch nachzugestalten, eigene Ideenskizzen zu fertigen oder Gefühle, skizzenhaft festzuhalten. Eine halbe Stunde lang wurde konzentriert betrachtet, skizziert und schraffiert.

Die Zehntklässler des Kunstzweigs besuchten die Ausstellung mit einem etwas anderen Blickwinkel. Sie beschäftigten sich insbesondere mit den Verbindungen zum Surrealismus. Richters traumartige Bildwelten boten reichlich Anlass, Parallelen zu Künstlern wie Salvador Dalí oder Frida Kahlo zu entdecken. Wie bei diesen werden auch hier Erinnerungen, Gefühle und innere Vorstellungen in eine ganz eigene Bildsprache übersetzt.

Die Zehntklässler des Kunstzweigs. Klasse 9c des Kunstzweigs.
Organisiert wurde der Unterrichtsgang von den Kunstlehrerinnen Sylvia Bühler und Petra Öller. „Am Ende wurde deutlich, dass ein Museumsbesuch besonders dann spannend ist, wenn die Künstlerin selbst Rede und Antwort steht. Denn wer hätte beim ersten Betrachten schon vermutet, dass in einem Bild australischer Sandstein steckt, ein anderes von einem fast hundertjährigen Tänzer erzählt und hinter einem Tiger eine ganz persönliche Verbindung zu Japan steht?“, berichtete Frau Öller.
Die jungen Besucher nahmen jedenfalls mehr mit nach Hause als ein paar Bleistiftskizzen: die Erkenntnis, dass Kunst nicht immer auf Anhieb verstanden werden muss.

Klasse 7d - Kunstzweig